Staycation

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Die letzten zweieinhalb Wochen war ich zu Hause, Frau und Kind waren außer Landes gebracht, und ich hatte mir vorgenommen a) nix zu tun b) einiges zu tun. (Dass ich den Großteil meiner freien Zeit damit verbracht habe, in diverse Kundenprojekte einzuspringen und sich die Anzahl meiner geleisteten Stunden fürs Büro nur unwesentlich von der außerhalb des Urlaubs unterschieden hat, ist nicht Inhalt meines Postings; es blieben einige freie Stunden.)

Meine Bank hat mich zu einer eleganten Fimpremiere mit rotem Teppich eingeladen, ich sage schriftlich zu. Ich erscheine am Abend in meinem neuen Anzug, will mich registrieren lassen, da teilt man mir mit, dass ich nicht auf der Liste stünde. Kurzes Zögern, dann bekomme ich trotzdem ein Bändchen ums Armgelenk für Preshow, Filmvorführung und Premienfeier. Allerdings: Im Kino gibt’s für mich, weil ich ja nicht auf der Liste stehe, nur eine Eintrittskarte fürs den Saal 2. Der Mann am Tresen: “Das ist derselbe Film und er läuft parallel …” – “… nur die VIPs, die Schauspieler, Bankvorstände und OB Schuster sind halt in Saal 1”, denke ich. Niemand kontrolliert und ich setze mich auf einen guten Platz in Saal 1. Offenbar haben es einige der geladenen Gäste auch so gemacht. Saal 1 ist komplett überfüllt, die Schauspieler müssen auf dem Boden sitzen! Schönes Event mit Reden, Michael Antwerpes interviewt die Schauspieler vor der Leinwand. Was die in Saal 2 wohl gerade machen …?

Ich will ein neues Fernsehgerät kaufen und gehe informationshalber in einen Elektrogroßmarkt. Mein Problem: Ich brauche dazu einen Bodenstandfuß. Ich lerne: Das geht nur bei bestimmten Geräten der Marke Samsung. Oder halt bei Loewe.

Im Shoppingcenter laufe ich auf dem Weg zur Tiefgarage beim Geschäft einer Optikerkette vorbei. „Brille kaufen“ – eines meiner ToDos für den Urlaub. Ich erfahre, dass man nach 19 Uhr keine Sehtests mehr mache. Es war nach 19 Uhr.

Ich will die Unterseite vom Balkon streichen, weil die Farbe abblättert und auf die Terrasse fällt. Ich kaufe im Baumarkt für rund 100 EUR Abdeckfolie, Grundierung, Fassadenfarbe, Spachtel, Klebeband. Ich decke ab, es windet, alle Farbreste werden ins Blumenbeet geweht. Ich muss die Terrasse mit dem Staubsauger säubern. Ich rufe den Maler an. Er erkennt, dass der Balkon schadhaft ist und dass eine Komplettsanierung, jetzt oder in Kürze, notwendig ist. Er schickt mir ein Angebot, geht jetzt aber erst mal selber zwei Wochen in Urlaub.

Ich will mit meiner Familie via Skype bildtelefonieren. Kein Internet! Ich starte den Router und den PC neu. Internet, aber jetzt kann ich nicht mehr telefonieren.

Ich will mit meiner Familie via Skype bildtelefonieren. Mein Notebook meldet, dass nur noch 50 kB Speicher zur Verfügung stünden. Ich bringe das Notebook am Samstag zum IT-Dienstleister. Ich hole das Notebook am Sonntag wieder ab.

Ich brauche einen neuen Außenfühler für eine digitale Wetterstation. Im Laden, in dem ich das Gerät gekauft habe, sind die Außenfühler alle verkauft und wann neu kommen, kann man nicht sagen.

Ich will für eine Wettbewerbseinreichung ein PDF-Formular ausfüllen. Das Formular teilt mir mit, dass ich das zwar dürfe, dass ich die Angaben aber nicht speichern könne. Ich fahre also am Sonntagnachmittag ins Büro, weil ich dort eine Software habe, mit der ich die Einträge auch noch speichern kann.

Ein Saucenschöpflöffel ist auseinander gebrochen. Ich fahre in die Stadt und gehe in die WMF-Filiale. Dort teilt mir die Dame mit, dass sie den Schöpfer einschicke könne, dass ich es aber doch mal in der großen Filiale in der Königstraße versuchen solle, weil ich dort vielleicht gleich einen neuen Schöpfer mitnehmen könnte. Ich gehe dorthin, sehe dass Sonderverkauf wegen Umbau ist und dass ca. 20 Personen an der Kasse stehen. Ich beschließe, in der kleinen Filiale den Löffel einschicken zu lassen, und erfahre bei dieser Gelegenheit, dass die Serie ausgelaufen sei.

Im Büro stehen zwei sehr gut erhaltene übergroße Schreibtische im Weg. Ich biete sie auf eBay an: Mindestgebot für beide Tische inkl. zwei Rollcontainer 100 EUR oder Sofort-Kauf für 400 EUR. Nach einer Woche erlöse ich EUR 156 EUR für beide Tische.

Ich will einen Mülleimer kaufen und überlege: OBI oder Bauhaus? Ich entscheide mich für OBI. Der hat den Müllereimer nicht mehr. Ich will ein Brett kaufen, um einen Kinderstuhl zu leimen. In der Restekiste  finde ich ein Stückchen Holz. Es ist Montag und im Baumarkt ist nichts los. Ich frage den Mann am Holzzuschnitt, ob er mir mein Brettchen in der Mitte durchsägen könne. „Nein“, sagt er, „macht er nicht“. Es stünde ja schließlich ganz groß da, dass Reststücke nicht zugeschnitten würden und warum er dies überhaupt machen solle. „Als Kundenservice“ sage ich und er entgegnet, dass er sich ja dann selber Konkurrenz machte. Wer eine Sperrholzplatte 20 x 20 m brauche, solle sich eine von der großen Platte zuschneiden lassen, die dann nach qm-Preisliste berechnet würde. Ich lehne dankend ab, zahle an der Kasse meine Blumenerde, die ich noch mitgenommen habe, und erwähne dort, dass der Herr beim Holzzuschnitt nicht sehr kundenorientiert sei. Die Dame an der Kasse schaut mich vielsagend an: „Das war der Herr K., gell?“ und nickt. Ich fahre ins Bauhaus, wo es den Mülleimer ebenfalls nicht gibt.

Ich beschließe, das Samsung-Fernsehgerät zu kaufen, und zwar in Weiß. Der Einfachheit halber fahre ich in die Innenstadt zu einem anderen Elektrogroßmarkt. Er hat gefühlt dreimal so viele Fernsehgeräte wie der andere Markt, es ist warm, aus den Surroundboxen wummert die Musik zu einem Konzert, das auf einem tischtennisplattengroßen Flatscreen gezeigt wird. Ich erfahre: Bodenstandfüße gibt es nicht für Fernsehgeräte mit einer Bildschirmdiagonalen unter 37 Zoll; mein gewünschtes Modell hat 32 Zoll. Ich beschließe, doch wieder in den anderen Großmarkt zu gehen, wo die Beratung definitiv besser war. (In diesem Augenblick ruft mich meine Kollegin aus dem Büro an und bittet mich, ganz schnell ein Angebot für einen potenziellen Kunden in England zu erstellen. Ob das niemand anderes könne, nein, es sei niemand anderes mehr da, alle bereits im Wochenende. Ich fahre also von Elektromarkt 1 übers Büro – 1,5 Stunden Angebot schreiben – zum Elektromarkt 2. Meine Laune ist nicht mehr so sehr gut, ich freue mich auf den anstehenden Konsum.) Es ist Freitagabend, 18.45 Uhr, und ich erfahre eine wunderbare Beratung im Elektomarkt. Da steht er: der weiße Samsung, kann alles und ist facebookfähig. Dazu sucht der Verkäufer sehr engagiert den passenden Bodenstandfuß aus; den hat er zwar nicht vorrätig, man kann ihn aber in seinem Onlineshop bestellen. Ich krieg einen Abholbeleg, gehe mit dem an die Kasse, bezahle und habe nun die Berechtigung, am Ausgang der Tiefgarage das Gerät in Empfang zu nehmen. Okay, mein Fehler: Ich dachte außerhalb der Tiefgarage, gemeint war aber kurz vor dem Ausgang in der Tiefgarage. Ich fahre also einmal um den Block und wieder in die Tiefgarage, klingle an der roten Tür, die mir nach einer Weile aufgemacht wird. „Ich möchte ein Fernsehgerät abholen“, strahle ich den Herrn an, der mich empfängt mit den Worten: „Au ja, auf Sie habe ich schon gewartet. Da gab es einen Fehlbestand, es gibt leider nur noch das Ausstellungsstück, das wir Ihnen aber nicht verbilligt geben können. Gehen Sie einfach noch einmal hoch in den Laden.“ Ich stürme das Geschäft, es ist 19.45 Uhr, und der Verkäufer, den ich noch vor einer Viertelstunde sehr sympathisch und kompetent fand, erwartet mich. Allerdings erwartet er wohl nicht, dass ich, sagen wir mal: etwas aufgebracht bin. Er zählt die möglichen Varianten auf: 1. Geld zurückzahlen lassen. 2. Das Ausstellungsstück zum regulären Preis mitnehmen. 3. Ein Gerät bestellen, das wahrscheinlich in ein bis zwei Wochen wieder lieferbar sei. Ob einer der anderen beiden Märkte in der Stadt das Gerät am Lager hat, könne er nicht mit Gewissheit sagen. Also kein Fernsehabend heute. Ich fühle mich wie William Foster, als er im McDonald’s ein Frühstück bestellen will und ihm die Dame hinterm Tresen sagt dass die Frühstückszeit seit wenigen Minuten vorbei sei und er mit der Mittagskarte vorlieb nehmen müsse. … Ich lasse mir das Geld über meine EC-Karte rücküberweisen, was offenbar nicht ganz trivial ist. Ich genieße es zu sehen, wie um 20 Uhr etwa zehn Personen wegen mir an der einzigen offenen Kasse warten müssen.

Eine Freundin aus Hamburg meldet sich, sie habe bei ihrem Besuch bei uns ihren schwarzen Trenchcoat vergessen, ob ich ihn ihr nicht schicken könne. Klar, kein Problem. Versehentlich schicke ich ihr den schwarzen Trenchcoat meiner Frau.

Ich besuche meinen Vater. Wir wollen zum Abendessen in den „Ochsen“ gehen. Der „Ochsen” hat an diesem Abend eine geschlossene Gesellschaft. Am nächsten Tag wollen wir gemeinsam zum Oldtimertreffen nach Schramberg, das in der Zeitung angekündigt ist. In Schramberg angekommen, gibt’s aber kein Oldtimertreffen – ein Druckfehler.

Ich bringe Leergut in den Supermarkt. Er nimmt einen Kasten und mehrere Flaschen nicht an.

Ich will einen Termin beim Friseur. Ich krieg einen in sechs Tagen, aber nicht wie gewöhnlich bei der Chefin, sondern beim Lehrling.

Der Bodenstandfuß für meinen neuen Fernseher ist angekommen. Ich packe ihn aus und wundere mich, das dass in der Verpackung eine Hotlinenummer angegeben ist. Ich montiere ihn zusammen. Als ich das Fernsehgerät anschrauben will, merke ich, dass keine der 4 x 4 mitgelieferten Schrauben passt. Der Mann an der Hotline verspricht mir, gleich 4 Reduziermuffen (für M4-Schrauben) loszusenden. Ich montiere wieder den kleinen Standfuß.

Der potenzielle Kunde, für den ich meine Fernsehgeräteinkaufstour unterbrochen habe, hat heute abgesagt.

Mit einem Brief in der Hand stelle ich fest: Die Postfiliale im Nachbarstadtteil hat während der Handwerkerferien geschlossen.

Morgen sollen meine Frau und meine Tochter zurückkommen. Soeben erfahre ich, dass die Stewardessen der Lufthansa morgen wieder streiken.